Zeit ist Geld – ist das so?

„Boah, erst 12 Uhr mittags, was soll ich denn jetzt den ganzen Tag noch machen?“ An diesen Gedanken meines 8-jährigen Ichs kann ich mich noch genau erinnern. Wir hatten Sommerferien und fast alle meine Freundinnen waren mit ihren Eltern auf Urlaub. Der Tag kam mir endlos vor, die Ferien dauerten eine gefühlte Ewigkeit. Mittlerweile gilt eher: Zeit ist Geld. Eine wünschenswerte Entwicklung? In diesem Beitrag im Rahmen meiner Kolumne auf unserem Blog möchte ich meine Meinung zu diesem Thema kundtun.

„Oh Mann, ich kann’s gar nicht glauben, in 3 Jahren haben wir ja schon unseren Abschluss in der Tasche!“ Auch dieser überraschte Ausruf meiner Sitznachbarin in der Schule blieb mir in guter Erinnerung.

Einen Augenaufschlag später verzweifelte ich schon an meiner ersten Uni-Prüfung.

Es ist erschreckend, wie schnell die Zeit vergeht. Je älter man wird, umso schneller vergeht sie. Gefühlt.

Jedes Jahr wird mir spätestens zu Silvester wieder bewusst, wie kostbar Zeit doch ist. Sie bestimmt in vielerlei Hinsicht unser Leben, unseren Alltag, obwohl sie prinzipiell etwas Surreales ist, das wir Menschen einfach so festgelegt haben. Oft macht uns die Zeit auch das Leben schwer: Nur mehr 10 Minuten bis zum Beginn des wichtigen Meetings und man steht im Stau? Hoffentlich feuert einen der Chef nicht, wenn man zu spät kommt. Den Bus verpasst und der nächste kommt erst in einer Stunde? Eine Stunde verschenkte Lebenszeit. Zeit ist Geld. Oder?

Zeit ist Geld: Wohin führt das?

Klar, solche Situationen sind unangenehm, verursachen unnötigen Stress und können belastend sein. Aber: Im Nachhinein betrachtet war die ganze Aufregung sprichwörtlich meist für die Katz’, stimmt’s? Ich kennen nämlich niemanden, der gefeuert wurde, weil er ein einziges Mal zu spät zu einem Meeting gekommen ist. Ihr etwa?

Genauso könnte man sich fragen:
Was hätte ich mit der Stunde, die ich jetzt auf den Bus warten muss, zuhause angefangen? Ferngesehen? Sollte man ohnehin viel weniger.

Ein Buch gelesen? Im besten Fall hat man eines dabei, in unserem vernetzten Zeitalter können viele Bücher sogar kostenlos auf das Smartphone geladen und gelesen werden. Oder man spaziert einfach ein wenig in der Gegend herum und lässt sich überraschen, was man so alles entdeckt – sei es der liebevoll mit Blumen geschmückte Vorgarten eines Einfamilienhauses oder die verschmuste Katze, die einem über den Weg läuft und sich ein paar Streicheleinheiten abholt. Dann nur nicht vor lauter Entdeckungsdrang den nächsten Bus verpassen! 😉

Nehmt die Zeit nicht so ernst!

Zeit wird – so finde ich – meist sowieso viel zu ernst genommen. Ich muss dabei daran zurückdenken, als ich zu Beginn meiner Studienzeit von einer kleineren Stadt in einem ländlichen Gebiet in die Großstadt gezogen bin. Anfangs konnte ich manche Dinge, die mir da vorgelebt wurden, absolut nicht nachvollziehen – und kann es bis heute nicht.

Ein Beispiel gefällig? Viele eingefleischte Großstädter stürmen die Rolltreppe hinab, die zur U-Bahn führt, als gebe es kein Morgen, rempeln dabei andere Menschen an oder fallen selbst fast auf die Schnauze – ohne zu wissen, wann überhaupt die nächste U-Bahn kommt. Nur rein aus Prinzip, man könnte ja schließlich eine gerade einfahrende verpassen. Die nächste kommt dann meist „endlose“ 3-4 Minuten später. Irgendwann habe ich mich dann selbst dabei ertappt, wie ich, mit hochrotem Kopf zur U-Bahn stürmend, unabsichtlich einen älteren Mann rempelte und er fast zu Fall kam. Dieses Ereignis rüttelte mich wach: Ist es wirklich so schlimm, drei Minuten seines Lebens zu verlieren?
Ich finde es wirklich bedenklich, wie unsere moderne Gesellschaft, getrieben von der ständigen Angst, nicht zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, mit einem unserer kostbarsten Güter umgeht: der Zeit.

Manchmal keimt in mir die dunkle Vermutung auf, Stress gibt es eigentlich gar keinen. Man kann sich nur welchen machen.

Zeit ist Geld - stimmt das?

Bescheidenheit als Schlüssel zum Glück

Niemand hat mehr Zeit, denn Zeit ist Geld. Es werden Überstunden gemacht, um sich eine Putzfrau zu leisten, anstatt die anfallende Hausarbeit einfach – an Stelle der Überstunden – zwar weniger genau als die Putzfrau, aber mit dem Gefühl zu erledigen, man hat es selbst geschafft. Man ist unabhängig.
Es werden Kinder vernachlässigt, wegen eines Jobs der einem keine Luft zum Atmen lässt und den man eigentlich schon seit Jahren hinschmeißen würde – wäre da nicht der Kredit für das große Haus mit Pool zurückzuzahlen. Schon klar, ein Haus mit Pool zu haben ist etwas Tolles. Aber muss das Haus wirklich so groß sein? Musste der Pool diese ganz neue Whirl-Technologie haben?

Die Antwort darauf lautet dann im Nachhinein meistens: Nein, das hätte nicht sein müssen. Bis jetzt habe ich noch von niemandem gehört, der damit wirklich signifikant glücklicher geworden wäre.

Meist – und das traue ich mich sogar mit ziemlicher Sicherheit zu behaupten – wäre man sogar mit einem kleineren Haus ohne Pool glücklicher, wenn es einem die Möglichkeit gibt, mehr Zeit mit seinen Liebsten zu verbringen und sich seinen Talenten und Interessen zu widmen. Den wichtigen Dingen des Lebens eben – nicht einem Job, der einen am Zahnfleisch laufen lässt, um einen Kredit abzubezahlen, der einem das Leben nicht wie vermutet leichter, sondern um einiges schwerer gemacht hat.

Ja, vielleicht ist es wirklich so: Zeit ist Geld. Aber vielleicht ist dann ja doch Bescheidenheit der kürzeste Weg zum Glück.

Inspirationen zum Thema Minimalismus und Bescheidenheit findest Du auf meiner Pinterest-Pinnwand „Minimalismus – Einfache Wege, weniger zu haben und mehr zu sein“.

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