DU BIST GENUG.

Wir leben in einer genormten Welt – voll von Idealen, Vorgaben und Regeln. Wir streben nach absoluter Perfektion. Schöner, schneller, reicher. Normal sein? Langweilig!

Schon von Kindesbeinen an bekommen wir vermittelt, dass wir besser sein könnten. Nehmen wir als Beispiel unser Notensystem in Österreich. Es gibt Schulnoten von 1-5. Mit einer 5 ist man schlicht und einfach nicht genug. Pech gehabt. Loser eben. So wird die Note ja auch genannt: Nicht Genügend.

Selbst mit einer 2 musst Du Dir darüber im Klaren sein: Du bist vielleicht ganz gut. Aber nicht gut genug. Sonst hättest Du ja schließlich eine 1.

Da sitzt man nun also, heult Rotz und Wasser und überlegt sich, wie man den Eltern die schlechte Note vorenthalten bzw. wie man sie am besten beichten könnte.

Schließlich hat man ja nicht genug. Nicht genug gelernt, nicht genug Ehrgeiz, nicht genug Verstand. So zumindest wird es dem Kind, das gerade versucht, sich in einer Welt voller großer, besserwisserischer Menschen und gleichaltriger “Musterschülern” zurechtzufinden, vermittelt.

Aber für wen soll man eigentlich genug sein? Für die Eltern? Angesichts der Tatsache, dass man irgendwann eine eigenständige Persönlichkeit werden soll – wohl kaum. Für die Lehrer? Da man diese nach der Schulzeit selten bis nie wiedersehen wird – ergibt auch das keinen richtigen Sinn. Für einen zukünftigen Arbeitgeber? Für den Staat? Na für wen denn nun?

Unser Schulsystem: Ein Relikt vergangener Zeiten?

Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, muss man wohl ein wenig in der Zeit zurückspulen – an die Anfänge unseres Schulsystems. Eingeführt im 19. Jahrhundert, maßgeblich mitgestaltet von der Kirche und dem Militär. Dieser geistlich-militärische Stil strammer Ordnung findet sich auch heute noch in den organisatorisch sowie inhaltlichen Relikten des Schulsystems. Aufgereihte, schmale Bänke, auch in meiner Schulzeit wurde der Lehrer noch stehend begrüßt – na, woran erinnert das? Na klar, an Pfarrer und Kirche. 50-Minuten-Einheiten könnten in Anlehnung an das Militär entstanden sein – auch die Übung der Soldaten lief in diesem Zeitfenster ab: Eine Stunde lang wurde exerziert – minus zehn Minuten Austreten und Pfeiferauchen.

Zudem muss man dazusagen, dass es in einem Zeitalter regiert von Kaisern, Königen und Fürsten natürlich nicht gerade erwünscht war, dass Untertanen zu viel Bildung erfuhren – daher wurden bestimmte Lehrpläne erstellt, die von  “ganz oben” abgesegnet wurden. So konnte die Regierung besser kontrollieren, was gelehrt werden sollte und durfte.

Man glaubt es kaum, aber: Nach dem Schema dieses Bildungssystems läuft auch heute noch Schule ab. Klar, manches wurde ein wenig modernisiert oder Lehrpläne entsprechend der aktuellen Weltgeschehnisse und dem Stand der Forschung angepasst – aber der Kern und die Bedingungen, unter denen gelehrt wird, blieben bis heute die gleichen.

Von Kindesbeinen an in einem Konkurrenzkampf: Das ewige Gefühl, nie genug zu sein

Das Kind wächst nun also heran, macht seine Erfahrungen, lernt dazu. Lernt für die Schule, schreibt ‘mal gute Noten, ‘mal schlechte Noten. Muss es seinen Eltern eine schlechte Note beichten, ist häufig Tadel die Folge sowie manchmal auch die Frage: “Was haben denn die Anderen?”

Wenn die Anderen besser waren als man selbst – und einen das sogar die eigenen Eltern spüren lassen – nun ja, dann ist der Grundstein für ein wenig ausgeprägtes Selbstbewusstsein wohl gelegt. Besonders bitter natürlich, wenn man auch noch viel gelernt hat – und trotzdem nicht die gewünschten Resultate erzielt. Kinder haben oft ein bestimmtes “Angst-Fach” – und wenn sich darin die schlechten Noten häufen, demotiviert das sehr. Diese fehlende Motivation wirkt sich dann natürlich auch auf die anderen Fächer aus. Ein Teufelskreis.

Mir stellt sich die Frage: Ist es überhaupt noch zeitgemäß, die Anlagen und Talente der einzelnen jungen Individuen zu ignorieren und sie alle in ein und das selbe vorgefertigte Schulsystem zu pferchen? Ganz nach dem Motto: Was nicht passt, wird passend gemacht?

Natürlich sollte jeder Mensch gewisse Grundkompetenzen beherrschen, die für den Alltag wichtig sind – und jeder Mensch sollte Zugang zu Bildung bekommen. Aber ist unser Schulsystem, das nach starren Mustern vorgibt, wie ein Kind zu sein hat – wenn es etwa komplexe Algebra-Aufgaben nicht lösen kann, entweder ewig die Klasse wiederholen oder eben die Schule aufgeben soll – wirklich noch etwas, das in unsere globalisierte, schnelllebige Zeit passt?

Und hier tut sich schon das nächste Problem auf: Wie viel Kind darf ein Kind in einer solchen Zeit noch sein?

Über unerreichbare Schönheitsideale und eine verlorene Kindheit

Musical.ly, Schminktutorials, Kylie Jenner, minderjährige Youtube-Stars & Co.: Kinder und Jugendliche bekommen schon früh vor Augen geführt, wie sie zu sein haben und aussehen sollten. Wer in der Gen-Lotterie nicht so viel Glück hatte, einem von der westlichen Welt vorgegebenen Schönheitsideal zu entsprechen oder einfach nicht besonders talentiert im Schwingen des Kosmetikpinsels ist, sieht also jeden Tag wie wunderschön und beneidenswert andere Mädchen und Jungs im gleichen Alter sind. Für ein von schlechten Noten und zu hohen Erwartungen ohnehin schon geschwächtes Selbstvertrauen natürlich fatal.

Nie genug sein. Zu viele Jugendliche und junge Erwachsene kennen dieses Gefühl. Es kann einen heimtückisch und plötzlich überfallen oder aber auch erst langsam anrollen und einen, wenn die Lawine erst einmal abgegangen ist, förmlich überschwemmen.

Die Influencer-Influenza: Lass’ Dich nicht anstecken

Schöner, schneller, reicher. Die heute sogenannten “Influencer” geben vor, was man als Jugendlicher macht und wie man zu sein hat. Der gutaussehende Freund, die vielen Urlaubsreisen in ferne Länder, die teuren Designerhandtaschen. Und man selbst?

Dümpelt in den No-Name-Klamotten in einer Kleinstadt vor sich hin, ist vielleicht noch ungeküsst und der tollste Urlaub, den man bisher gemacht hat, war der Campingurlaub mit den Eltern und der kleinen Schwester am Gardasee.

Schon ‘mal Alkohol getrunken? Fehlanzeige! Na dann heißt es ‘ran an die Promille – schließlich wirbt Influencer XY mit Fotos von der Sonnenuntergangsparty auf der Yacht für Moët oder Absolut Vodka.

Schon 14 Jahre alt und noch kein Iphone 7? Am besten ziehst Du gleich mit deinen Hinterwäldler-Eltern in die Berge und baust dort autark Gemüse an.

Trotz Akne ungeschminkt in den Unterricht gekommen? Da bist Du jetzt aber selbst Schuld, dass die Jungs aus Deiner Klasse Dich hänseln – in Instagram haben Mädels in Deinem Alter schließlich auch keine Pickel!

Ironie aus. 

Worauf ich hinauswill: In meiner Kindheit und Teenie-Zeit gab es noch keine “Influencer” (ich schreibe das Wort immer in Anführungszeichen, weil es mir einfach widerstrebt), wie wir sie heute kennen. Es gab kein Contouring, kein Smartphone, kein Youtube.

Was es aber gab, waren Wälder, in denen wir uns Baumhäuser bauten, Träume von Reisen in ferne, fiktive Fantasieländer und von Akne gezeichnete, aber breit grinsende Teenager, die fernab von Designerhandtaschen und teuren Urlaubsreisen einfach sein konnten, was sie sind:

Genug.

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  • Wow, ein ganz toller Artikel! Du schaffst es in Worte zu fassen, was eigentlich jedem in der Gesellschaft bewusst sein sollte und hast auch mich nochmal wachgerüttelt, dass jeder individuell und auf seine eigene Weise wunderbar ist und man sich das viel öfter bewusst machen sollte. Besonders den Teil zur Schule fand ich super, ich war zwar immer gut in der Schule, aber nur weil ich mich angepasst habe. Ich bin ganz deiner Meinung, dass sich da dringend was ändern muss, denn auch im Deutschland ist es nicht anders als du es für Österreich beschreibst. Vielen Dank für diesen Text! 🙂

  • Der Beitrag ist toll!
    Ich weiß genau was damit gemeint ist und wie dieses Gefühl, nie genug zu sein ist. Das fing auf dem Gymnasium an und geht mit Instagram heute weiter. Genau wie du es beschreibst.
    Es ist alles andere als schön sowas zu fühlen, zumal das nicht nur einen selbst, sondern auch Beziehungen belastet. Ich bin immer noch fest der Überzeugung dass das Schulsystem daran Schuld ist. Ich hatte ab einem gewissen Zeitpunkt wirklich panische Angst in die Schule zu gehen, und aus diesem psychischen druck heraus ständig Magen- oder Kopfschmerzen. Es war ein harter und steiniger Weg für mich durch die Schulzeit und ich wollte es definitiv einfach nur noch hinter mich bringen, egal wie.

    Ich wünsche dieses Gefühl keinem auf der Welt, da es einen wirklich kaputt macht und man denkt niemand versteht einen und das man ja sowieso ganz allein damit da steht. Und irgendwann zweifelt man wirklich an sich selbst. Denkt wirklich man sei nicht genug, für nichts. Und diese unangenehmen Situationen möchte man umgehen, so oft wie möglich. Ich habe jetzt zwar einen Job der mir Spaß macht, aber da ich 50 km einfach fahre, möchte ich mir etwas in meiner Umgebung suchen, habe allerdings vor diesen Bewerbungsprozessen schon wieder panische Angst. Angst wieder nicht genug zu sein für ein Unternehmen, denn in meinem jetzigen Job bin ich gut.

    Das sind Dinge die einem das ganze Leben lang verfolgen werden. Ich hoffe dass sich in unserer Gesellschaft da endlich bald etwas ändert.

  • Liebe Eva,

    ein ganz toller und wichtiger Text!
    Ich beobachte das “Nicht-Genug-Sein-Dürfen”, das in Verbindung gerade mit Social Media auftritt, auch einigermaßen skeptisch – sowohl anderen als auch mir selbst gegenüber.
    Ich finde es schon fast gruselig, was diese eigentlich ja nur halb-realen Konstrukte mit uns machen können, wie sehr sie uns beeinflussen. Das ist auf der einen Seite sehr schön – ich habe mich gerade durch Social Media unglaublich weiterentwickelt -, auf der anderen natürlich auch äußerst bedenklich, wenn man selbst nicht die Grenzen ziehen kann. Und wenn es semi-erwachsenen Menschen schon so schwerfällt, wie sollen Kinder das so einfach hinbekommen?
    (Obwohl man ja auch sagt, dass diese kompetenter im Umgang mit Medien sind als man vermuten würde.)

    Danke dir jedenfalls für die Denkanstöße.

    Liebe Grüße
    Jenni

  • Hallo Eva,
    du hast so Recht, ich finde die Kinder von heute können ihre Kindheit nicht mehr so toll ausleben wie ich es konnte. Mit dem Internet ist zwar vieles einfacher, jedoch ist der Konkurrenzkampf viel härter.

    Liebe Grüße
    Annika
    http://www.fashiontravelstar.com

  • Sehr gut geschrieben! Find es wichtig dass wir als Blogger auch solche Themen ansprechen…
    Freu mich schon auf mehr solche Beiträge!
    — Liebe Grüße, Lex

  • Wunderschön geschrieben, und so wahr! ich denke mir auch immer wieder, wie glücklich ich mich eigentlich schätzen kann, dass ich ohne Smartphone und co aufgewachsen bin. Ich weiß immer noch nicht, wie Contouring geht und es interessiert mich auch nicht. Und ich laufe auch nicht immer top gestylt durch die Gegend und darauf hätte ich auch keine Lust. Aber ich bin mal gespannt, wie das hier so weiter geht…

  • Da muss ich schmunzeln! Wir sind doch jetzt immer in den TOP und Besten und perfekten Orten unterwegs und ich als “schönste” Bloggerin gebe nur die besten Kommentare. Jetzt muss ich aber über mich selbst lachen während ich deinen Beitrag kommentiere!
    Liebe Grüße,
    Alexandra.

  • Wirklich ein toller Beitrag und ich kann echt gut nachvollziehen was ihr meint. Ich hab mein halbes Leben nie wirklich dazu gehört. Kein cooles neues Handy, keine George Gina und Lucy Handtasche (ja, die wahren damals noch in Mode^^) oder einfach nicht cool genug. Man hatte immer den Druck dazu gehören zu müssen. Gut genug für einen selbst, aber vor allem für die anderen sein zu müssen.
    Aber genau so ein soziales Verhalten lebt einem das Schulsystem ja auch vor. Man wird in Kategorien gesteckt, ohne das auf die wirklichen Werte wert gelegt wird und das ist meiner Meinung nach auch ein bisschen schade. Denn wenn man gerade in künstlerischen Fächern eher seine Stärken besitzt, geht das leider unter.
    Es muss sich wirklich was ändern…

  • Ich finds auch gruselig, wie fixiert die Kids heute schon auf Aussehen und so weiter sind. Ich muss aber sagen, zu meiner Kindheit war es auch schon schlimm. Ich wurde ständig gemobbt wegen meiner Brille und weil ich “zu dünn” war.

  • Wow, ein wirklich schöner Beitrag. Ja, meine Kindheit sah auch anders aus als die meiner Kids heute. Wir haben in Deutschland übrigens Noten von 1 bis 6 und ja meine Teenie Tochter kennt sich bestens mit sämtlichen Schminktechniken aus, ist aber zu faul ein Buch zu lesen. Das finde ich extrem schade. Ständig will sie nach Dubai, New York, Las Vegas, weil der und der auch schon dort war. Da finde ich Deinen Beitrag richtig erfrischend. Ich leite ihn direkt mal an meine Tochter weiter.
    Liebe Grüße
    Anja von Castlemaker.de

  • Liebe Eva Maria,

    ein wunderschöner Blogpost <3! Ich habe mich in deinem Text gut wiedergefunden, obwohl ich älter bin als du. Das Schulsystem in Österreich ist ja sowieso nur veraltet … ich hoffe ich kann meine Kleine (sie beginnt in ein paar Wochen mit der Schule) gut durch diese Zeit durchbringen. Ich habe meine Schulzeit gehasst!

    Liebste Grüße
    Verena